
Gastbeitrag: Gentrifizierung und die »kreative Stadt«
Am vergangenen Montag (23.04.2012) lud der Branchenverband Kreatives Leipzig zu einer langfristig gemeinsam mit den AktivistInnen des Hamburger Gängeviertels geplanten Diskussionsrunde zum Thema Gentrifizierung ein. Die Veranstaltung fand denn auch im Rahmen des „Betriebsausflugs“ statt, einem Austausch von etwa 200 KünstlerInnen aus Leipzig und Hamburg. Mit diesem Statement soll die Diskussion erweitert und um das Thema der „kreativen Stadt“ ergänzt werden.
Überschrieben war die zurückliegende Veranstaltung mit dem Motto „Die Geister, die wir riefen“. Sind ausgerechnet die Kreativen, die vor etwa zehn Jahren anfingen, den damals eher trostlosen Leipziger Westen neues Leben einzuhauchen, am Ende die Schuldigen für die aktuellen Mietsteigerungen in Plagwitz oder Lindenau? Auf Facebook war zum Beispiel als Kommentar zu lesen, dass die Kreativen bereits die erste Welle der Gentrifizierung darstellen würden. Schon wenn sie in einen Stadtteil Einzug halten, kommt es zu Verdrängungsprozessen. Zeigen ihre Bemühungen, dort kulturelles Leben zu etablieren, folgen ihnen schnell die Investoren. Sie investieren meist in den Häuserbestand, tragen so zu einer spürbaren Aufwertung bei. Nach der Investition möchten sie dann aber auch die Rendite einfahren, heißt, die Mieten werden erhöht. Es kommt zur zweiten Welle der Gentrifizierung. Jetzt sind auch die kreativen Pioniere die Opfer und schreien laut auf. Die sozial schwächer gestellten EinwohnerInnen werden spätestens jetzt verdrängt. Dass solche Prozesse auch im Leipziger Westen stattfinden, lässt sich nicht leugnen. Dass der Stadtteil dadurch in seinem Erscheinungsbild enorm profitiert hat, ist unübersehbar. Dass längst nicht alle damit glücklich sind, es auch Opfer gibt, wurde spätestens mit der Hausbesetzung in der Naumburger Straße nur zwei Tage vor der Veranstaltung klar. Und nun?
Zuerst muss gesagt werden, dass Gentrifizierungsprozesse in Leipzig bislang nur eine vergleichsweise geringe Dynamik haben. Redet man mit Freunden aus anderen Städten über die hiesigen Mieten, blickt man in neidvolle Gesichter. Aber das Beispiel Berlin zeigt, wie rasch die Situation kippen kann. Wie eine Walze drückt sich die Quartiersaufwertungsmaschine von Kreuzberg und Friedrichshain immer weiter südlich in das zuvor mehrheitlich von MigrantInnen bewohnte Neukölln. Mietsteigerungen von 1 Euro pro Jahr und Quadratmeter sind keine Ausnahme. Wer sich dies nicht leisten kann oder möchte, ist bereits weitergezogen.
Das Phänomen ist aber kein naturgegebenes Übel sondern steuerbar. Einflussmöglichkeiten haben die für die Stadtplanung zuständigen Entscheidungsträger der Kommunalverwaltung ebenso wie die Kreativen selbst. Letztere sollten sich ihrer Rolle im Prozess stärker bewusst werden. Das heißt, erstens die Hand zu den alteingesessenen EinwohnerInnen auszustrecken. Auch sie profitieren von einer positiven Entwicklung ihres Wohnumfeldes, bspw. in dem neues Gewerbe und damit auch Arbeitsplätze direkt vor der Haustür entstehen. Eine gemeinsame Basis für einen ergebnisorientierten Dialog ist also vorhanden. Zweitens bedeutet dies, langfristig Verantwortung für den Stadtteil und sein kulturelles Leben zu übernehmen – und zwar über den Zeitraum eines Wächterhaus-Vertrags hinaus!
Etwas vertrackter ist es mit der Rolle der Stadtverwaltung. Hier prallen unterschiedliche Interessen aufeinander: Einerseits ist es erklärtes Ziel der Stadt Leipzig, die Bedingungen für Investitionen in die Bausubstanz zu verbessern – angesichts von 30.000 leer stehenden Wohnungen gut verständlich. Da sanierte Wohnungen aber auch zu einer höheren Mietbelastung führen, fördert die Stadt auch den Erwerb von Wohneigentum. Das dritte hier relevante Leitbild ist das der jungen, attraktiven und kreativen Stadt.
Leider sieht die Realität oft anders aus. Dazu zwei Beispiele aus jüngster Zeit:
• Beispiel Nummer eins ist das leidige Thema Proberäume bzw. Studios für Bands und Producer. Hier hatte die Stadtratsfraktion DIE LINKE einen Antrag formuliert, der Verwaltung den Auftrag zu geben, leerstehende Immobilien zu prüfen, ob diese sich prinzipiell eignen würden und mit welchem Instandsetzungsaufwand dabei zu rechnen sei. Die Antwort des Kulturdezernats liest sich wie Spucke ins Gesicht der MusikerInnen, die ähnlich der Bandcommunity die Dinge selbst in die Hand nehmen möchten: Haarklein wird ausgelistet, wie viele Proberäume in institutionell geförderten Häusern zu finden sind. Dass diese Anzahl längst nicht dem Bedarf gerecht wird, sollte der Stadtverwaltung, zudem dem Kulturdezernat (!), bekannt sein. Weitere Standorte zu recherchieren, so kann man dem Verwaltungsstandpunkt entnehmen, ist aus Kapazitätsgründen nicht leistbar. Nur wenn im Rathaus nicht einmal eine Recherche geleistet werden kann, fragt man sich, ob man alles andere Gerede in Sachen Kreativwirtschaft überhaupt noch ernst zu nehmen braucht.
• Blanker Hohn ist dann Beispiel Nummer zwei: Durch das Stadtmarketing wurden mehrere Folgen eines Leipzig Podcast in Auftrag gegeben. Auch hier darf das Beispiel Kreativwirtschaft nicht fehlen. Voller Stolz wird als Aushängeschild der hiesigen Kreativszene Ostdeutschlands ältester Technoclub, die Distillery, genannt. Doch das dieser Club genau dort steht, wo im Zuge der Bebauung des Geländes südlich vom Bayrischen Bahnhof Eigenheime entstehen sollen, bemerkt die Stadtverwaltung erst, als die Verantwortlichen der Distillery davon aus der Zeitung erfahren und sich im Rathaus melden.
Wenn hier nicht bald umgedacht wird, dürfte sich die kreative Szene Leipzigs schon in wenigen Jahren auf die Werbe– und IT-Branche beschränken. Wer sonst kann sich hohe Mieten leisten, wenn gleichzeitig kreatives Schaffen behindert statt gefördert wird?
Und damit sich dieses Statement nicht nahtlos an viele andere Jammertexte reiht, möchte ich mit ein paar konkreten Forderungen (vielleicht auch nur Vorschläge – das mag jeder selbst entscheiden) schließen:
• Angesichts des Einwohnerzuwachses, der dank der vielen Kreativen, die zur Attraktivität Leipzigs beitragen, nicht so schnell abreißen wird, dürfte der Druck in den nächsten Jahren steigen. Wer jetzt die Augen schließt und die Realität verkennt, wird’s in wenigen Jahren als Miete zahlen. Ob HausHalten, Dein Kiez oder in der Wissenschaft, es stehen genug Initiativen und Gruppen bereit, um gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Nutzt sie, ehe es zu spät ist! Die nächste Gelegenheit bietet sich bereits am Sonntag, 29.04.2012, wozu vorbereitend auch dieses PiratePad genutzt werden kann.
• Das HinZundKunZ, das Mietshäusersyndikat, in Eigentum überführte Wächterhäuser und andere Beispiele zeigen, dass man selbst etwas tun kann, um den Wohnraum vor den Interessen von Immobilienspekulierenden zu schützen. Greift diese Beispiele auf und macht los – ggf. auch erst einmal ohne Cash!
• Die Stadtverwaltung sollte dieses Engagement ohne Wenn und Aber unterstützen! Wieso nicht das Selbstnutzer-Programm um ein paar Auflagen befreien und so denjenigen helfen, die eine Investition erst in ein paar Jahren tätigen möchten oder können?
• Kultureinrichtungen, dazu zähle ich explizit auch einen Club wie die Distillery, verdienen nicht weniger Unterstützung als Einrichtungen mit institutioneller Förderung. Nachdem die Verwaltung sich besagten Lapsus geleistet hat, der sich nur mit Betriebsblindheit oder Arroganz erklären lässt, ist Wiedergutmachung angesagt. Das heißt, zumindest zu vermitteln: Damit der Club entweder weiß, wie lange er noch am Standort in der Kurt-Eisner-Straße bleiben darf, oder wohin er weiterziehen kann.
• In anderen Städten engagiert sich die Kommune, damit MusikerInnen Proberäume und Studios finden – in Mannheim ist es gar gleich ein vierköpfiges Team. Wenn das in Leipzig schon nicht geht, so sollte die Verwaltung zumindest die Informationen bereitstellen, damit die Kreativen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können. Dass die Stadtverwaltung dazu nicht freiwillig bereit ist, finde ich beschämend. Wenn es dabei bleibt, sollte der Stadtrat sie mit einem Beschluss dazu zwingen.
Der Autor, Peter F. Treppenhauer, hat die Veranstaltung in der Distillery am vergangenen Montag besucht und hätte sich gewünscht, dass die am Ende andiskutierten Ansätze noch vertieft worden wären. Kreatives Leipzig e. V. unterstützt die formulierten Forderungen ausdrücklich.
Fotos zur Veranstaltung
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Ganz netter Artikel und Danke dir, Peter, für diesen.
Ich war auch bei der Veranstaltung und habe nur die Worte eines einzelnen als wirklich wichtig empfunden, die von Prof. Dr. Rink des UfZ. Er hat die stete Forderung gestellt, fangt doch einfach an zu kooperieren oder besser zu kollaborieren. Natürlich existieren bereits einige gute Beispiele in Leipzig, aber diese haben auch ihre Schwachstellen. Die Forderung von Herrn Rink würde ich noch erweitern und sagen, kooperiert mit allen Ebenen und beginnt euch zu professionalisieren, stellt euch dazu bereit mit einem Banker, einem Politiker oder Juristen etc. vernünftig zu reden. In erster Linie fordern die sog. Kreativen etwas ein, was jeder Mensch dieser Stadt einfordert, nämlich Wohn– und Handlungsraum, der fair und bezahlbar ist/bleibt. Versucht zu verstehen, welcher Vorteil hinter der Gentrifizierung steckt, denn Aufwertung ist nicht das Problem, sondern die steigenden Mieten, die eigentlich das schöne am Stadtteil vertreiben, die Menschen und ihr städtisches Miteinander-leben. Stellt euch die Frage, wie viele erfahrene Handwerker gibt es im Stadtteil, die vielleicht sogar arbeitslos sind. Holt sie ins Boot arbeitet mit diesen auf fairer Basis zusammen, und respektiert, dass diese irgendwie auch zu den Menschen gehören, die ein Problem mit der Lautstärke eurer Club-Tätigkeiten haben. Auch darin heißt es, reden, verstehen und gemeinsam das Problem lösen.
Seitdem ich mich mit der sog. Kreativwirtschaft beschäftige, musste ich auch feststellen, dass für Leipzig nicht die vielen sog. Kreativen typisch sind, sondern das wahnsinnig reichhaltige und völlig ungenutzte Potentiale von Kooperationen einfach auf der Straße herumliegen. Und das meine ich für alle Bereiche der Stadt Leipzig.