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LE-FOKUS-Gentrifikatio-24042012-04

Gastbeitrag: Gentrifizierung und die »kreative Stadt«

27.04.2012

Am ver­gan­ge­nen Mon­tag (23.04.2012) lud der Bran­chen­ver­band Krea­ti­ves Leip­zig zu einer lang­fris­tig gemein­sam mit den Akti­vis­tIn­nen des Ham­bur­ger Gän­ge­vier­tels geplan­ten Dis­kus­si­ons­runde zum Thema Gen­tri­fi­zie­rung ein. Die Ver­an­stal­tung fand denn auch im Rah­men des „Betriebs­aus­flugs“ statt, einem Aus­tausch von etwa 200 Künst­le­rIn­nen aus Leip­zig und Ham­burg. Mit die­sem State­ment soll die Dis­kus­sion erwei­tert und um das Thema der „krea­ti­ven Stadt“ ergänzt werden.

Über­schrie­ben war die zurück­lie­gende Ver­an­stal­tung mit dem Motto „Die Geis­ter, die wir rie­fen“. Sind aus­ge­rech­net die Krea­ti­ven, die vor etwa zehn Jah­ren anfin­gen, den damals eher trost­lo­sen Leip­zi­ger Wes­ten neues Leben ein­zu­hau­chen, am Ende die Schul­di­gen für die aktu­el­len Miet­stei­ge­run­gen in Plag­witz oder Lin­denau? Auf Face­book war zum Bei­spiel als Kom­men­tar zu lesen, dass die Krea­ti­ven bereits die erste Welle der Gen­tri­fi­zie­rung dar­stel­len wür­den. Schon wenn sie in einen Stadt­teil Ein­zug hal­ten, kommt es zu Ver­drän­gungs­pro­zes­sen. Zei­gen ihre Bemü­hun­gen, dort kul­tu­rel­les Leben zu eta­blie­ren, fol­gen ihnen schnell die Inves­to­ren. Sie inves­tie­ren meist in den Häu­ser­be­stand, tra­gen so zu einer spür­ba­ren Auf­wer­tung bei. Nach der Inves­ti­tion möch­ten sie dann aber auch die Ren­dite ein­fah­ren, heißt, die Mie­ten wer­den erhöht. Es kommt zur zwei­ten Welle der Gen­tri­fi­zie­rung. Jetzt sind auch die krea­ti­ven Pio­niere die Opfer und schreien laut auf. Die sozial schwä­cher gestell­ten Ein­woh­ne­rIn­nen wer­den spä­tes­tens jetzt ver­drängt. Dass sol­che Pro­zesse auch im Leip­zi­ger Wes­ten statt­fin­den, lässt sich nicht leug­nen. Dass der Stadt­teil dadurch in sei­nem Erschei­nungs­bild enorm pro­fi­tiert hat, ist unüber­seh­bar. Dass längst nicht alle damit glück­lich sind, es auch Opfer gibt, wurde spä­tes­tens mit der Haus­be­set­zung in der Naum­bur­ger Straße nur zwei Tage vor der Ver­an­stal­tung klar. Und nun?

Zuerst muss gesagt wer­den, dass Gen­tri­fi­zie­rungs­pro­zesse in Leip­zig bis­lang nur eine ver­gleichs­weise geringe Dyna­mik haben. Redet man mit Freun­den aus ande­ren Städ­ten über die hie­si­gen Mie­ten, blickt man in neid­volle Gesich­ter. Aber das Bei­spiel Ber­lin zeigt, wie rasch die Situa­tion kip­pen kann. Wie eine Walze drückt sich die Quar­tier­sauf­wer­tungs­ma­schine von Kreuz­berg und Fried­richs­hain immer wei­ter süd­lich in das zuvor mehr­heit­lich von Migran­tIn­nen bewohnte Neu­kölln. Miet­stei­ge­run­gen von 1 Euro pro Jahr und Qua­drat­me­ter sind keine Aus­nahme. Wer sich dies nicht leis­ten kann oder möchte, ist bereits weitergezogen.

Das Phä­no­men ist aber kein natur­ge­ge­be­nes Übel son­dern steu­er­bar. Ein­fluss­mög­lich­kei­ten haben die für die Stadt­pla­nung zustän­di­gen Ent­schei­dungs­trä­ger der Kom­mu­nal­ver­wal­tung ebenso wie die Krea­ti­ven selbst. Letz­tere soll­ten sich ihrer Rolle im Pro­zess stär­ker bewusst wer­den. Das heißt, ers­tens die Hand zu den alt­ein­ge­ses­se­nen Ein­woh­ne­rIn­nen aus­zu­stre­cken. Auch sie pro­fi­tie­ren von einer posi­ti­ven Ent­wick­lung ihres Wohn­um­fel­des, bspw. in dem neues Gewerbe und damit auch Arbeits­plätze direkt vor der Haus­tür ent­ste­hen. Eine gemein­same Basis für einen ergeb­nis­ori­en­tier­ten Dia­log ist also vor­han­den. Zwei­tens bedeu­tet dies, lang­fris­tig Ver­ant­wor­tung für den Stadt­teil und sein kul­tu­rel­les Leben zu über­neh­men – und zwar über den Zeit­raum eines Wächterhaus-Vertrags hinaus!

Etwas ver­track­ter ist es mit der Rolle der Stadt­ver­wal­tung. Hier pral­len unter­schied­li­che Inter­es­sen auf­ein­an­der: Einer­seits ist es erklär­tes Ziel der Stadt Leip­zig, die Bedin­gun­gen für Inves­ti­tio­nen in die Bau­sub­stanz zu ver­bes­sern – ange­sichts von 30.000 leer ste­hen­den Woh­nun­gen gut ver­ständ­lich. Da sanierte Woh­nun­gen aber auch zu einer höhe­ren Miet­be­las­tung füh­ren, för­dert die Stadt auch den Erwerb von Wohn­ei­gen­tum. Das dritte hier rele­vante Leit­bild ist das der jun­gen, attrak­ti­ven und krea­ti­ven Stadt.

Lei­der sieht die Rea­li­tät oft anders aus. Dazu zwei Bei­spiele aus jüngs­ter Zeit:
• Bei­spiel Num­mer eins ist das lei­dige Thema Pro­be­räume bzw. Stu­dios für Bands und Pro­du­cer. Hier hatte die Stadt­rats­frak­tion DIE LINKE einen Antrag for­mu­liert, der Ver­wal­tung den Auf­trag zu geben, leer­ste­hende Immo­bi­lien zu prü­fen, ob diese sich prin­zi­pi­ell eig­nen wür­den und mit wel­chem Instand­set­zungs­auf­wand dabei zu rech­nen sei. Die Ant­wort des Kul­tur­de­zer­nats liest sich wie Spu­cke ins Gesicht der Musi­ke­rIn­nen, die ähn­lich der Band­com­mu­nity die Dinge selbst in die Hand neh­men möch­ten: Haar­klein wird aus­ge­lis­tet, wie viele Pro­be­räume in insti­tu­tio­nell geför­der­ten Häu­sern zu fin­den sind. Dass diese Anzahl längst nicht dem Bedarf gerecht wird, sollte der Stadt­ver­wal­tung, zudem dem Kul­tur­de­zer­nat (!), bekannt sein. Wei­tere Stand­orte zu recher­chie­ren, so kann man dem Ver­wal­tungs­stand­punkt ent­neh­men, ist aus Kapa­zi­täts­grün­den nicht leist­bar. Nur wenn im Rat­haus nicht ein­mal eine Recher­che geleis­tet wer­den kann, fragt man sich, ob man alles andere Gerede in Sachen Krea­tiv­wirt­schaft über­haupt noch ernst zu neh­men braucht.
• Blan­ker Hohn ist dann Bei­spiel Num­mer zwei: Durch das Stadt­mar­ke­ting wur­den meh­rere Fol­gen eines Leip­zig Pod­cast in Auf­trag gege­ben. Auch hier darf das Bei­spiel Krea­tiv­wirt­schaft nicht feh­len. Vol­ler Stolz wird als Aus­hän­ge­schild der hie­si­gen Krea­tiv­szene Ost­deutsch­lands ältes­ter Tech­no­club, die Distil­lery, genannt. Doch das die­ser Club genau dort steht, wo im Zuge der Bebau­ung des Gelän­des süd­lich vom Bay­ri­schen Bahn­hof Eigen­heime ent­ste­hen sol­len, bemerkt die Stadt­ver­wal­tung erst, als die Ver­ant­wort­li­chen der Distil­lery davon aus der Zei­tung erfah­ren und sich im Rat­haus melden.

Wenn hier nicht bald umge­dacht wird, dürfte sich die krea­tive Szene Leip­zigs schon in weni­gen Jah­ren auf die Werbe– und IT-Branche beschrän­ken. Wer sonst kann sich hohe Mie­ten leis­ten, wenn gleich­zei­tig krea­ti­ves Schaf­fen behin­dert statt geför­dert wird?

Und damit sich die­ses State­ment nicht naht­los an viele andere Jam­mer­texte reiht, möchte ich mit ein paar kon­kre­ten For­de­run­gen (viel­leicht auch nur Vor­schläge – das mag jeder selbst ent­schei­den) schlie­ßen:
• Ange­sichts des Ein­woh­ner­zu­wach­ses, der dank der vie­len Krea­ti­ven, die zur Attrak­ti­vi­tät Leip­zigs bei­tra­gen, nicht so schnell abrei­ßen wird, dürfte der Druck in den nächs­ten Jah­ren stei­gen. Wer jetzt die Augen schließt und die Rea­li­tät ver­kennt, wird’s in weni­gen Jah­ren als Miete zah­len. Ob Haus­Hal­ten, Dein Kiez oder in der Wis­sen­schaft, es ste­hen genug Initia­ti­ven und Grup­pen bereit, um gemein­sam an Lösun­gen zu arbei­ten. Nutzt sie, ehe es zu spät ist! Die nächste Gele­gen­heit bie­tet sich bereits am Sonn­tag, 29.04.2012, wozu vor­be­rei­tend auch die­ses Pirate­Pad genutzt wer­den kann.
• Das Hin­Zund­KunZ, das Miets­häu­ser­syn­di­kat, in Eigen­tum über­führte Wächt­er­häu­ser und andere Bei­spiele zei­gen, dass man selbst etwas tun kann, um den Wohn­raum vor den Inter­es­sen von Immo­bi­li­en­spe­ku­lie­ren­den zu schüt­zen. Greift diese Bei­spiele auf und macht los – ggf. auch erst ein­mal ohne Cash!
• Die Stadt­ver­wal­tung sollte die­ses Enga­ge­ment ohne Wenn und Aber unter­stüt­zen! Wieso nicht das Selbstnutzer-Programm um ein paar Auf­la­gen befreien und so den­je­ni­gen hel­fen, die eine Inves­ti­tion erst in ein paar Jah­ren täti­gen möch­ten oder kön­nen?
• Kul­tur­ein­rich­tun­gen, dazu zähle ich expli­zit auch einen Club wie die Distil­lery, ver­die­nen nicht weni­ger Unter­stüt­zung als Ein­rich­tun­gen mit insti­tu­tio­nel­ler För­de­rung. Nach­dem die Ver­wal­tung sich besag­ten Lap­sus geleis­tet hat, der sich nur mit Betriebs­blind­heit oder Arro­ganz erklä­ren lässt, ist Wie­der­gut­ma­chung ange­sagt. Das heißt, zumin­dest zu ver­mit­teln: Damit der Club ent­we­der weiß, wie lange er noch am Stand­ort in der Kurt-Eisner-Straße blei­ben darf, oder wohin er wei­ter­zie­hen kann.
• In ande­ren Städ­ten enga­giert sich die Kom­mune, damit Musi­ke­rIn­nen Pro­be­räume und Stu­dios fin­den – in Mann­heim ist es gar gleich ein vier­köp­fi­ges Team. Wenn das in Leip­zig schon nicht geht, so sollte die Ver­wal­tung zumin­dest die Infor­ma­tio­nen bereit­stel­len, damit die Krea­ti­ven ihr Schick­sal selbst in die Hand neh­men kön­nen. Dass die Stadt­ver­wal­tung dazu nicht frei­wil­lig bereit ist, finde ich beschä­mend. Wenn es dabei bleibt, sollte der Stadt­rat sie mit einem Beschluss dazu zwingen.

Der Autor, Peter F. Trep­pen­hauer, hat die Ver­an­stal­tung in der Distil­lery am ver­gan­ge­nen Mon­tag besucht und hätte sich gewünscht, dass die am Ende andis­ku­tier­ten Ansätze noch ver­tieft wor­den wären. Krea­ti­ves Leip­zig e. V. unter­stützt die for­mu­lier­ten For­de­run­gen ausdrücklich.

Fotos zur Ver­an­stal­tung
Ver­an­stal­tung nach­hö­ren

Kommentare (1)

  1. Timmy Selle - geschrieben am 27. April 2012 um 08:07 Uhr - #

    Ganz net­ter Arti­kel und Danke dir, Peter, für die­sen.
    Ich war auch bei der Ver­an­stal­tung und habe nur die Worte eines ein­zel­nen als wirk­lich wich­tig emp­fun­den, die von Prof. Dr. Rink des UfZ. Er hat die stete For­de­rung gestellt, fangt doch ein­fach an zu koope­rie­ren oder bes­ser zu kol­la­bo­rie­ren. Natür­lich exis­tie­ren bereits einige gute Bei­spiele in Leip­zig, aber diese haben auch ihre Schwach­stel­len. Die For­de­rung von Herrn Rink würde ich noch erwei­tern und sagen, koope­riert mit allen Ebe­nen und beginnt euch zu pro­fes­sio­na­li­sie­ren, stellt euch dazu bereit mit einem Ban­ker, einem Poli­ti­ker oder Juris­ten etc. ver­nünf­tig zu reden. In ers­ter Linie for­dern die sog. Krea­ti­ven etwas ein, was jeder Mensch die­ser Stadt ein­for­dert, näm­lich Wohn– und Hand­lungs­raum, der fair und bezahl­bar ist/bleibt. Ver­sucht zu ver­ste­hen, wel­cher Vor­teil hin­ter der Gen­tri­fi­zie­rung steckt, denn Auf­wer­tung ist nicht das Pro­blem, son­dern die stei­gen­den Mie­ten, die eigent­lich das schöne am Stadt­teil ver­trei­ben, die Men­schen und ihr städ­ti­sches Miteinander-leben. Stellt euch die Frage, wie viele erfah­rene Hand­wer­ker gibt es im Stadt­teil, die viel­leicht sogar arbeits­los sind. Holt sie ins Boot arbei­tet mit die­sen auf fai­rer Basis zusam­men, und respek­tiert, dass diese irgend­wie auch zu den Men­schen gehö­ren, die ein Pro­blem mit der Laut­stärke eurer Club-Tätigkeiten haben. Auch darin heißt es, reden, ver­ste­hen und gemein­sam das Pro­blem lösen.
    Seit­dem ich mich mit der sog. Krea­tiv­wirt­schaft beschäf­tige, musste ich auch fest­stel­len, dass für Leip­zig nicht die vie­len sog. Krea­ti­ven typisch sind, son­dern das wahn­sin­nig reich­hal­tige und völ­lig unge­nutzte Poten­tiale von Koope­ra­tio­nen ein­fach auf der Straße her­um­lie­gen. Und das meine ich für alle Berei­che der Stadt Leipzig.

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