
Nicht nur schöne Bildchen
Gemeinsam mit der Ansprechpartnerin des Kompetenzzentrums Kultur– und Kreativwirtschaft des Bundes für Sachsen, Sachsen– Anhalt und Thüringen, Katja Großer, haben wir eine Artikelserie in der LVZ angeregt, in der Vertreter der elf Teilbranchen vorgestellt werden. Teil 1 der Serie erschien am vergangenen Samstag. Die Autorin, Verena Lutter, hat uns den Text freundlicherweise zur Verfügung gestellt.
Nicht nur schöne Bildchen
Kreativ in Leipzig, Teil 1: Das Architekturbüro quartier vier gestaltet Räume für Kunst und Kinder
An Leipzig kleben viele Labels. Messestadt, Bachstadt, Buchstadt zum Beispiel. Eines wird bisher noch nicht so häufig verwendet: Kreativstadt. Dabei arbeiteten 2010 schon 11,6 Prozent aller berufstätigen Leipziger in Unternehmen der Kultur– und Kreativwirtschaft. In loser Folge stellt die Szene-Seite Akteure der elf Teilbranchen vor ― von A wie Architekturmarkt bis W wie Werbemarkt. Heute: das Architekturbüro quartier vier.
„Ein Haus zu bauen, liegt in der Natur des Menschen. Miete zahlen nicht.“ Das Zitat der Bausparkasse LBS, von dem Künstler Frank Bölter augenzwinkernd auf Leinwand gedruckt und gerahmt, hängt über Kim Wortelkamps und Hauke Herbergs Schreibtisch. Das Haus in der Könneritzstraße, in dem sich ihr Architekturbüro quartier vier befindet, haben sie und ihre Geschäftspartnerin Claudia Siebeck zwar nicht gebaut, aber Miete zahlen sie hier keine. Es ist ein Selbstnutzerprojekt, von den Bewohnern und Gewerbetreibenden erworben und umgebaut.
Wortelkamp und Herberg blicken von ihren Fenstern im Erdgeschoss aus in einen grünen Hinterhof mit Bäumen, Büschen und Zugang zum Park. Hier trifft sich im Sommer die Hausgemeinschaft zum Ideen spinnen, Wein trinken und grillen.
Siebeck, Wortelkamp und Herberg hätten ihr Büro auch in Dresden gründen können. Dort waren sie in den 1990er-Jahren an der Technischen Universität eingeschrieben. Wortelkamp hatte Landschaftsarchitektur, Herberg Architektur, Siebeck Landschaftsarchitektur und Stadt– und Regionalmanagement studiert. Doch dann entschieden sie sich vor elf Jahren für Leipzig. „Hier ist es quirliger als in Dresden“, meint Wortelkamp. Überall wird gebaut, an jeder Ecke entsteht Neues. Viel zu tun für Architekten.
Und davon gibt es viele in Leipzig. Außer quartier vier sitzen hier noch 315 weitere Unternehmen aus der Teilbranche Architekturmarkt. Und laut einer diesen Sommer veröffentlichten Studie zur Leipziger Medien– und Kreativwirtschaft waren diese Firmen 2010 nur für 1,4 Prozent des Gesamtumsatzes der hiesigen Kultur– und Kreativwirtschaft verantwortlich. Wer als Architekt in Leipzig überleben will, muss sich also entweder eine stark nachgefragte Nische suchen oder viele verschiedene Dienstleistungen anbieten.
Quartier vier hat sich für Letzteres entschieden. „Wir spüren die Konkurrenz nicht so, weil wir sehr unterschiedliche Sachen machen“, sagt Wortelkamp. Wie der Name des Büros schon andeutet, deckt es vier Gestaltungsdisziplinen ab: klassische Architektur, Landschaftsarchitektur, Stadt– und Regionalplanung, Design. Medienvertreter und Stadtverwaltungen haben es deshalb bisweilen schwer, quartier vier mit einem Etikett zu versehen. Nach Abschluss der Lichtinstallation „public light“ im Nikolaikirchhof 2003, die das Büro mit dem Künstler Tilo Schulz realisierte, wurden Wortelkamp, Herberg und Siebeck als „Lichtplaner“ wahrgenommen. Dabei hatten sie in den Jahren vorher auch völlig andere Projekte verwirklicht.
Im Bereich der Architektur versteht sich quartier vier vor allem auf Kulturbauten. Für den Museumsbau „Depositum“ in Weyerbusch gewann es den Architekturpreis des Landes Rheinland-Pfalz 2011. „Eine silbrig schimmernde Schatztruhe, verortet im architektonischen Niemandsland eines Gewerbegebiets“, schreibt ein Kollege über das Projekt. Die horizontal gegliederte Aluminiumfassade des rundlichen Baus erinnert ein wenig an die frühere „Blechbüchse“ am Goerdelerring. Drinnen präsentiert sich die Kunst in einer kühlen, zurückhaltenden Umgebung: viel weiße Wandfläche, einige graue Säulen und ein bisschen Holz.
Diese Zurückhaltung zeigt quartier vier auch beim Ausbau der Halle 14 auf dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei. Die Authentizität und die Großflächigkeit des ehemaligen Fabrikgebäudes sollen erhalten bleiben, so der Anspruch. Schon im Erdgeschoss wird sichtbar, was das heißt. Das Besucherzentrum und die Ausstellungsfläche kommen mit wenigen zusätzlichen Wandflächen aus, die über 100 Jahre alten Stahlsäulen sorgen für Struktur. Es herrscht, wie es der Architekturkritiker Wolfgang Kil ausdrücken würde, ein „Luxus der Leere“. Die Arbeit von quartier vier ist damit aber noch nicht beendet. Von Architektur über Möbeldesign bis hin zur Grünflächengestaltung auf dem Dach sind die drei Planer derzeit noch in Halle 14 gefragt.
Während sich andere Architekturbüros auf die Planung schicker Stadthäuser konzentrieren, legt quartier vier seinen Schwerpunkt auf öffentlich nutzbare Architektur. Zum Beispiel Kindertageseinrichtungen, die für Wortelkamp, Herberg und Siebeck ein ideales Betätigungsfeld bieten, weil zur Gestaltung des Innenraums auch immer die Planung einer Spielfläche im Freien gehört. Letztes Jahr planten sie den Neubau des Montessori-Kindergartens in Grünau und den Erweiterungsbau für das „Kinderland“ in Großdeuben. Der Entwurf zum „Kinderland“ erinnert ein bisschen an das „Depositum“: auch hier eine horizontal gegliederte Fassade und Rundungen, wo Ecken sein müssten.
Woher wollen die drei eigentlich wissen, ob ihr Entwurf den Praxistest besteht? „Wir sind nicht die Planer, die nur schöne Bildchen machen. Wir wollen auch wissen, ob es funktioniert“, sagt Herberg. Quartier vier betreut alle Phasen des Bauprojekts, vom Entwurf bis zur Bauleitung. Dabei kann es ruhig auch mal schmutzig werden. „Ich stehe gern auf der Baustelle“, sagt Wortelkamp.
Offenbar hat es sich für quartier vier gelohnt, sich in den vergangenen elf Jahren in keine Schublade stecken zu lassen. „Wir sind schlechte Akquisiteure, und unsere Homepage ist selten aktuell“, gibt Herberg zu. „Aber wir haben Kunden, die uns schätzen.“ Er und seine beiden Partner freuen sich über den Luxus, spannende, oft nicht ganz alltägliche Planungsaufgaben zu übernehmen.
Verena Lutter
Info: www.quartiervier.com
Luxus der Leere: das Besucherzentrum in Halle 14 der Leipziger Baumwollspinnerei, entworfen von quartier vier.
Foto: Werner Hannappel

