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Nicht nur schöne Bildchen

26.10.2011

Gemein­sam mit der Ansprech­part­ne­rin des Kom­pe­tenz­zen­trums Kul­tur– und Krea­tiv­wirt­schaft des Bun­des für Sach­sen, Sach­sen– Anhalt und Thü­rin­gen, Katja Gro­ßer, haben wir eine Arti­kel­se­rie in der LVZ ange­regt, in der Ver­tre­ter der elf Teil­bran­chen vor­ge­stellt wer­den. Teil 1 der Serie erschien am ver­gan­ge­nen Sams­tag. Die Auto­rin, Verena Lut­ter, hat uns den Text freund­li­cher­weise zur Ver­fü­gung gestellt.

Nicht nur schöne Bildchen

Krea­tiv in Leip­zig, Teil 1: Das Archi­tek­tur­büro quar­tier vier gestal­tet Räume für Kunst und Kinder

An Leip­zig kle­ben viele Labels. Mes­se­stadt, Bach­stadt, Buch­stadt zum Bei­spiel. Eines wird bis­her noch nicht so häu­fig ver­wen­det: Krea­tiv­stadt. Dabei arbei­te­ten 2010 schon 11,6 Pro­zent aller berufs­tä­ti­gen Leip­zi­ger in Unter­neh­men der Kul­tur– und Krea­tiv­wirt­schaft. In loser Folge stellt die Szene-Seite Akteure der elf Teil­bran­chen vor ― von A wie Archi­tek­tur­markt bis W wie Wer­be­markt. Heute: das Archi­tek­tur­büro quar­tier vier.

„Ein Haus zu bauen, liegt in der Natur des Men­schen. Miete zah­len nicht.“ Das Zitat der Bau­spar­kasse LBS, von dem Künst­ler Frank Böl­ter augen­zwin­kernd auf Lein­wand gedruckt und gerahmt, hängt über Kim Wor­tel­kamps und Hauke Her­bergs Schreib­tisch. Das Haus in der Kön­ne­ritz­straße, in dem sich ihr Archi­tek­tur­büro quar­tier vier befin­det, haben sie und ihre Geschäfts­part­ne­rin Clau­dia Sie­beck zwar nicht gebaut, aber Miete zah­len sie hier keine. Es ist ein Selbst­nut­zer­pro­jekt, von den Bewoh­nern und Gewer­be­trei­ben­den erwor­ben und umgebaut.

Wor­tel­kamp und Her­berg bli­cken von ihren Fens­tern im Erd­ge­schoss aus in einen grü­nen Hin­ter­hof mit Bäu­men, Büschen und Zugang zum Park. Hier trifft sich im Som­mer die Haus­ge­mein­schaft zum Ideen spin­nen, Wein trin­ken und grillen.

Sie­beck, Wor­tel­kamp und Her­berg hät­ten ihr Büro auch in Dres­den grün­den kön­nen. Dort waren sie in den 1990er-Jahren an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät ein­ge­schrie­ben. Wor­tel­kamp hatte Land­schafts­ar­chi­tek­tur, Her­berg Archi­tek­tur, Sie­beck Land­schafts­ar­chi­tek­tur und Stadt– und Regio­nal­ma­nage­ment stu­diert. Doch dann ent­schie­den sie sich vor elf Jah­ren für Leip­zig. „Hier ist es quir­li­ger als in Dres­den“, meint Wor­tel­kamp. Über­all wird gebaut, an jeder Ecke ent­steht Neues. Viel zu tun für Architekten.

Und davon gibt es viele in Leip­zig. Außer quar­tier vier sit­zen hier noch 315 wei­tere Unter­neh­men aus der Teil­bran­che Archi­tek­tur­markt. Und laut einer die­sen Som­mer ver­öf­fent­lich­ten Stu­die zur Leip­zi­ger Medien– und Krea­tiv­wirt­schaft waren diese Fir­men 2010 nur für 1,4 Pro­zent des Gesamt­um­sat­zes der hie­si­gen Kul­tur– und Krea­tiv­wirt­schaft ver­ant­wort­lich. Wer als Archi­tekt in Leip­zig über­le­ben will, muss sich also ent­we­der eine stark nach­ge­fragte Nische suchen oder viele ver­schie­dene Dienst­leis­tun­gen anbieten.

Quar­tier vier hat sich für Letz­te­res ent­schie­den. „Wir spü­ren die Kon­kur­renz nicht so, weil wir sehr unter­schied­li­che Sachen machen“, sagt Wor­tel­kamp. Wie der Name des Büros schon andeu­tet, deckt es vier Gestal­tungs­dis­zi­pli­nen ab: klas­si­sche Archi­tek­tur, Land­schafts­ar­chi­tek­tur, Stadt– und Regio­nal­pla­nung, Design. Medi­en­ver­tre­ter und Stadt­ver­wal­tun­gen haben es des­halb bis­wei­len schwer, quar­tier vier mit einem Eti­kett zu ver­se­hen. Nach Abschluss der Licht­in­stal­la­tion „public light“ im Niko­lai­kirch­hof 2003, die das Büro mit dem Künst­ler Tilo Schulz rea­li­sierte, wur­den Wor­tel­kamp, Her­berg und Sie­beck als „Licht­pla­ner“ wahr­ge­nom­men. Dabei hat­ten sie in den Jah­ren vor­her auch völ­lig andere Pro­jekte verwirklicht.

Im Bereich der Archi­tek­tur ver­steht sich quar­tier vier vor allem auf Kul­tur­bau­ten. Für den Muse­ums­bau „Depo­si­tum“ in Wey­er­busch gewann es den Archi­tek­tur­preis des Lan­des Rheinland-Pfalz 2011. „Eine silb­rig schim­mernde Schatz­truhe, ver­or­tet im archi­tek­to­ni­schen Nie­mands­land eines Gewer­be­ge­biets“, schreibt ein Kol­lege über das Pro­jekt. Die hori­zon­tal geglie­derte Alu­mi­ni­um­fas­sade des rund­li­chen Baus erin­nert ein wenig an die frü­here „Blech­büchse“ am Goer­del­er­ring. Drin­nen prä­sen­tiert sich die Kunst in einer küh­len, zurück­hal­ten­den Umge­bung: viel weiße Wand­flä­che, einige graue Säu­len und ein biss­chen Holz.

Diese Zurück­hal­tung zeigt quar­tier vier auch beim Aus­bau der Halle 14 auf dem Gelände der Leip­zi­ger Baum­woll­spin­ne­rei. Die Authen­ti­zi­tät und die Groß­flä­chig­keit des ehe­ma­li­gen Fabrik­ge­bäu­des sol­len erhal­ten blei­ben, so der Anspruch. Schon im Erd­ge­schoss wird sicht­bar, was das heißt. Das Besu­cher­zen­trum und die Aus­stel­lungs­flä­che kom­men mit weni­gen zusätz­li­chen Wand­flä­chen aus, die über 100 Jahre alten Stahl­säu­len sor­gen für Struk­tur. Es herrscht, wie es der Archi­tek­tur­kri­ti­ker Wolf­gang Kil aus­drü­cken würde, ein „Luxus der Leere“. Die Arbeit von quar­tier vier ist damit aber noch nicht been­det. Von Archi­tek­tur über Möbel­de­sign bis hin zur Grün­flä­chen­ge­stal­tung auf dem Dach sind die drei Pla­ner der­zeit noch in Halle 14 gefragt.

Wäh­rend sich andere Archi­tek­tur­bü­ros auf die Pla­nung schi­cker Stadt­häu­ser kon­zen­trie­ren, legt quar­tier vier sei­nen Schwer­punkt auf öffent­lich nutz­bare Archi­tek­tur. Zum Bei­spiel Kin­der­ta­ges­ein­rich­tun­gen, die für Wor­tel­kamp, Her­berg und Sie­beck ein idea­les Betä­ti­gungs­feld bie­ten, weil zur Gestal­tung des Innen­raums auch immer die Pla­nung einer Spiel­flä­che im Freien gehört. Letz­tes Jahr plan­ten sie den Neu­bau des Montessori-Kindergartens in Grünau und den Erwei­te­rungs­bau für das „Kin­der­land“ in Groß­deu­ben. Der Ent­wurf zum „Kin­der­land“ erin­nert ein biss­chen an das „Depo­si­tum“: auch hier eine hori­zon­tal geglie­derte Fas­sade und Run­dun­gen, wo Ecken sein müssten.

Woher wol­len die drei eigent­lich wis­sen, ob ihr Ent­wurf den Pra­xis­test besteht? „Wir sind nicht die Pla­ner, die nur schöne Bild­chen machen. Wir wol­len auch wis­sen, ob es funk­tio­niert“, sagt Her­berg. Quar­tier vier betreut alle Pha­sen des Bau­pro­jekts, vom Ent­wurf bis zur Bau­lei­tung. Dabei kann es ruhig auch mal schmut­zig wer­den. „Ich stehe gern auf der Bau­stelle“, sagt Wortelkamp.

Offen­bar hat es sich für quar­tier vier gelohnt, sich in den ver­gan­ge­nen elf Jah­ren in keine Schub­lade ste­cken zu las­sen. „Wir sind schlechte Akqui­si­teure, und unsere Home­page ist sel­ten aktu­ell“, gibt Her­berg zu. „Aber wir haben Kun­den, die uns schät­zen.“ Er und seine bei­den Part­ner freuen sich über den Luxus, span­nende, oft nicht ganz all­täg­li­che Pla­nungs­auf­ga­ben zu übernehmen.

Verena Lut­ter

Info: www.quartiervier.com

Luxus der Leere: das Besu­cher­zen­trum in Halle 14 der Leip­zi­ger Baum­woll­spin­ne­rei, ent­wor­fen von quar­tier vier.

Foto: Wer­ner Hannappel

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